Abschied von der D-Mark

Lange nachdem sie bereits kein offizielles Zahlungsmittel mehr war, hatten meine Freundin und ich noch eine D-Mark. Bis zu dem Samstagnachmittag, an dem wir uns nach Berlin-Neukölln in den dortigen Wal-Mart trauten.

So eine D-Mark ist beim Einkaufen echt praktisch, seit es die europäische Gemeinschaftswährung gibt: Im Supermarkt sind die Einkaufswagen noch D-Mark-kompatibel, die Kassen aber nicht – man kommt also nicht in Versuchung, die Einkaufswagenmünze auszugeben. Nebenbei kann man seinen Wagen auch dann noch leicht von fremden unterscheiden, wenn noch keine Waren drin sind, weil die meisten Leute ihre Einkaufswagen mit Plastikgeld in Bewegung setzen oder Euros dafür nehmen.

An besagtem Samstagnachmittag war unsere Mark plötzlich weg, zusammen mit dem leeren Wagen. Dabei hatten wir die beiden nur für ein paar Minuten aus den Augen gelassen. Wir hatten die Situation noch nicht ganz erfasst, da informierte uns eine Mitarbeiterin des Ladens bereits: “Hier müssen Sie mit allem rechnen.” Beim Milchproduktekühlregal, nur wenige Meter vom Ort des Geschehens entfernt, fanden wir einen Einkaufswagen, in dem sich nur ein Stück Butter und eine D-Mark befand. Man muss kein Mathematiker sein, um hier eins und eins zusammenzuzählen. Die zugehörige Kundin wollte auch gleich weiter, als sie bemerkte, dass wir den Wagen inspizierten. Es ergab sich folgender Dialog:

Niemeyer: Kann es sein, dass Ihnen vorhin entfallen ist, dass Sie diesen Laden ohne Einkaufswagen betreten haben? Haben Sie vielleicht irrtümlich unseren benutzt, um dieses Stück Butter zu transportieren?
Kundin: schweigt und guckt fragend
Niemeyer: Ist das Ihr Wagen?
Kundin: Ja. Mein Wagen.
Niemeyer: Sind Sie da sicher? Können Sie sich erinnern, draußen einen Euro eingesteckt zu haben, um ihn in Ihre Gewalt zu bringen?
Kundin: Ja. Euro.
Niemeyer: Aha. Sehen Sie, da haben wir den Irrtum bereits aufgedeckt. In diesem Wagen steckt nämlich eine Mark.
Kundin: Ja. Mark.

Und so schob sie dahin. Wir glaubten ihr zwar kein Wort, uns blieb aber nichts anderes übrig, als endlich Abschied zu nehmen. Tschüss, D-Mark.

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