Die Engländer

Engländer sind interessante Leute. In den letzten Jahren hatte ich mehrfach die Gelegenheit, das Inselvolk zu studieren. Die Engländer sind verhältnismäßig gut gekleidet, geizig und lieben es, in der Schlange zu stehen.

Der Durchschnittsengländer weiß sich besser zu kleiden als der Deutsche. Bevor jemand meckert: Es ist nicht die dort in vielen Berufen übliche Krawatten- und Kostümpflicht, die zu dieser Einschätzung führt. Für die Engländer, die aus beruflichen Gründen gezwungen sind, Anzüge zu tragen, gilt vielfach dasselbe wie für das Verkaufspersonal in deutschen Kaufhäusern: Ihre Kleidung sieht doof aus. Eine Krawatte ist auch in England nicht viel wert, wenn sie bis zu den Knien reicht oder schon auf Höhe der Brustwarzen endet.

Trotzdem kann der Engländer auf dem Gebiet des Berufsoutfits gegen den Deutschen punkten. Man merkt es spätestens an den Schuhen. In Deutschland sind aufstrebende Bankazubis und alternde Berufsschullehrer oft nicht anhand ihres Schuhwerks zu unterscheiden – in England schon. Die Treter, die hierzulande an zahlreichen Anzugträgern zu beobachten sind, hat der Engländer höchstens auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn an, weil es dann nicht schlimm ist, wenn im Gedränge irgendein Idiot versehentlich mit seinen dreckigen Stiefeln drauftritt.

Auffällig ist auch die bisweilen krankhafte Sparsamkeit des Engländers. Mein Freund B hat ein Jahr in London gelebt. Er bewohnte ein Zimmer im Haus von R. R ist ein reicher Mann. Sein Haus befindet sich in einer abgeschlossenen Wohnanlage unweit des Stadtzentrums, den Lebensunterhalt bestreitet er mit dem Import von Katzenfutter. Die Sparsamkeit fängt damit an, dass R, obwohl er nicht darauf angewiesen sein dürfte, ein Zimmer seines Hauses an Studenten vermietet und sich mit diesen sogar Bad und Küche teilt. Apropos Bad: Wie weite Teile der britischen Bevölkerung hält auch R nichts von “völlig überteuerten” Einhandmischbatterien. Er zieht es vor, heißes und kaltes Wasser aus zwei Hähnen ins Waschbecken laufen zu lassen, das dort dann – vielleicht – die gewünschte Temperatur annimmt.

Den Gipfel des Geizes durfte ich miterleben, als ich B bei R besuchte. R stand in der Küche und klagte uns sein Leid: Der Henkel einer seiner fünf Kaffeetassen war abgebrochen. Natürlich war es undenkbar, einfach ein paar Pfund für eine neue Tasse locker zu machen, schließlich hatte er noch nie Geld für Keramik ausgegeben, sondern sein Geschirr im Bekanntenkreis zusammengesammelt. Vielmehr erwog R, eine Tube Sekundenkleber zu erwerben, damit der Henkel wieder angebracht werden konnte. Keineswegs wagte er sich jedoch selbst an diese heikle Aufgabe. R als einfacher Katzenfutterimporteur sah sich dieser Herausforderung nicht gewachsen, ein Experte musste her – natürlich ein möglichst preisgünstiger. Letztlich soll sich ein Kunststudent aus dem Freundeskreis seines Sohnes um die Angelegenheit gekümmert haben.

Eine weitere Auffälligkeit ist die Vorliebe der Engländer, Warteschlangen zu bilden. Das merkt man schon, wenn man nach dem englischen Wort queue und seinem deutschen Pendant googelt: Für Warteschlange werden rund eine halbe Million Treffer gefunden, die queue gibt es sechzigmal häufiger. Kein Wunder: Wenn irgendwo mehr als drei Engländer an einem Ort zusammenkommen, formieren sie unverzüglich eine Schlange. Das ist ungemein praktisch, beispielsweise im Supermarkt, wo in England vielfach das Prinzip der gerechten Warteschlange zum Einsatz kommt. Und das Tollste: Selbst die Schnösel Leute, die im Winterschlussverkauf bei Gucci ein Schnäppchen machen wollen, halten sich dran.

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