Während eines meiner letzten Jahre auf dem heimischen Gymnasium suchten einige Mitschüler oft Trost bei mir. Allerdings keineswegs, weil ich so gut zuhören konnte oder für meine hilfreichen Ratschläge bekannt war – es war vielmehr pure Verzweiflung, die insbesondere den S. und den R. in meine Arme trieb. Vermutlich war ich auch nicht der einzige, dem sie ihr Leid klagten.
Die beiden hatten sich für den Deutsch-Leistungskurs entschieden und mussten sich deshalb sechs Stunden pro Woche mit Goethes Wahlverwandtschaften auseinandersetzen. Das setzte ihnen so schwer zu, dass selbst die Durchhalteparolen aus dem Freundeskreis nur bedingt Rückhalt gaben. Bisweilen waren S. und R. nicht einmal in der Lage, ihren Vertrauten die jüngsten Entwicklungen des Romans zu schildern. Stattdessen irrten die beiden durch die Flure und sprachen leise vor sich hin. Egal, ob sie die Korrekturanmerkungen zitierten, die Lehrerin B. neben ihre letzten Klausuren geschrieben hatte, immer wieder war “Ausdrucksfehler: Geht so nicht! zu hören, oder ob sie den Namen Ottilien sangen beziehungsweise ein “Ja ja, der Gartenbau murmelten, stets gipfelten die leisen Monologe in hysterischem Gelächter.
Dieses Leid konnte ich bisher nicht nachvollziehen. War ich doch im Deutsch-Grundkurs an Lehrer H. geraten, der sich um interessante Themen und die schülergerechte Aufbereitung des Stoffs bemühte. Einer der wenigen Tiefpunkte war das Gruppenarbeitsprojekt zur Modernisierung des Urfaust: Eine Gruppe war sich doch tatsächlich nicht zu schade, daraus den Urfick zu entwickeln. Das konnte Lehrer H. aber nicht vorhersehen. Weil H. außerdem ständig zu spät kam und nicht wie Lehrerin B. mit den aufgeschlagenen Wahlverwandtschaften im Klassenzimmer wartete, wenn der Gong die Pause beendete, kann ich mich über den Deutschunterricht in der Oberstufe wirklich nicht beschweren.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte, als ich eben begann, diese Zeilen zu tippen: Ich habe S. und R. leiden gesehen und glaube ihnen, wie quälend die Lektüre der Wahlverwandtschaften ist. Nachdem ich gestern Abend die Fernsehübertragung des Bundesvision Song Contest 2006 gesehen habe, gebe ich dennoch bekannt: Bevor ich solche drögen Moderationen oder gar die Punkteverkündungen durch überwiegend merkbefreite Privatradio-Moderatoren ein weiteres Mal ertrage, greife ich zu den Wahlverwandtschaften. Neuigkeiten aus Ottiliens Liebesleben, Gedanken zum Gartenbau im beginnenden 19. Jahrhundert und was der Goethe auch immer sonst noch aufgeschrieben haben mag, muss gegen diesen Musikwettstreit eine Wohltat sein.