Immer wieder komme ich zu der Erkenntnis, in der Schule nicht viel gelernt zu haben, was ich im Alltag gebrauchen kann. Ich kann zwar aus dem Stand eine mittelschwere mathematische Funktion diskutieren, habe aber beispielsweise keine Ahnung über unseren Planeten und die Verteilung von Gewässern, Ländern und Gebirgen auf selbigem.
Kein Wunder: Mein erster Erdkundelehrer hat in der Stunde immer nur nachgeholt, was er in Deutsch nicht geschafft hat. Der zweite berichtete über die Erfolge in der Erziehung seiner beiden heranwachsenden Töchter, beschränkte den Unterricht aber auf die gelegentliche Kontrolle, ob Schaubilder sauber aus dem Erdkundebuch in das Heft übertragen worden waren. Lehrer drei begeisterte meine Mitschüler und mich mit Erinnerungen an seine jungen Jahre, insbesondere mit der packenden Episode, wie er mehr oder weniger zufällig an ein Schifferpatent gekommen ist. Wissensvermittlung: Fehlanzeige. Ein weiterer Erdkundelehrer aus dem Kollegium des Gymnasiums blieb mir erspart. Zum Glück, der war nämlich dumm wie ein Stück Brot und hätte ohnehin nur über seinen Teint und sein neues Cabrio referiert. Dementsprechend ist nur bruchstückhaftes Wissen hängengeblieben. Als ich gegen Ende meiner Schullaufbahn gebeten wurde, auf einer Landkarte die Stadt Augsburg zu zeigen, musste ich passen, weil ich es nicht konnte. Was ich gelernt habe, kann ich in einem Satz zusammenfassen: In Süditalien gibt es wirtschaftliche Probleme und die Sowjetunion besteht aus mehreren Vegetationszonen.
Jetzt hatte ich endlich die Gelegenheit, dieses dürftige Wissen etwas aufzubessern. Die 5.000 Kilometer, die ich in den letzten Wochen auf deutschen Autobahnen zurückgelegt habe, waren sehr lehrreich. Weil das Navigationssystem kaputt ist, erwarb ich notgedrungen einige geographische Kenntnisse, dazu sind auch spannende infrastrukturelle Details abgefallen. Meine Beobachtungen stimmen mich optimistisch. Wie schlecht kann es einem Land gehen, in dem überall fleißig gebaut wird? Bautätigkeit ist doch der Erfolgsindikator schlechthin. Im Süden der Republik wird der Verkehrsteilnehmer vor einigen Baustellen sogar von animierten Schautafeln unterhalten, die auch mittelgroßen Hochzeitskapellen in Las Vegas zur Ehre gereichen würden.
Im Sanitärbereich hat die Zukunft ebenfalls begonnen. Auf den modernen Rasthöfen versucht keine zerlumpte Gestalt mehr, den Toilettenbenutzern ein paar Cent als Trinkgeld abzunötigen. Auch die über den Urinalen angebrachte Werbung für Ofenbauer scheint auszusterben, weil auf den Tank- und Rastbetrieben eine neue Toilettengeneration Einzug gehalten hat. Nach Zahlung von 50 Cent erhält man Zugang zu sauberen, modernen Sanitäranlagen, die sogar mit dem Benutzer sprechen. Der Besucher wird von einer netten Frauenstimme zweisprachig willkommen geheißen und in die Funktionsweise der Anlage eingeweiht.
Wenn die Frau auch noch ein paar spannende geographische Details über die Region verraten würde, in der man sich gerade befindet, würde ich für diese Nachhilfe glatt einen Euro zahlen. Wahrscheinlich passt das aber nicht ins Konzept, das erfrischend andere WC klingt für die Zielgruppe vermutlich einladender als das kluge Klo. Schade. Was man aber wirklich machen könnte: Bei Gelegenheit die zahlreichen “Die Welt zu Gast bei Freunden”-Tafeln am Fahrbahnrand mit dem Slogan “Das Rechtsfahrgebot existiert” überpinseln.