Man könnte meinen, die Fußball-Weltmeisterschaft sei eine Konjunkturbremse für den nationalen Exhibitionismus. Während des gestrigen Gruppenspiels “unserer Jungs”, wie der Volksmund sagt, etwa wurde die Bedeutung des Begriffs Straßenfeger auf deutschen Straßen erlebbar. Schlechte Zeiten für Exhibitionisten, schließlich ergibt das öffentliche Zurschaustellen des eigenen Körpers nur dann einen Sinn, wenn auch ein Publikum zugegen ist.
Liebe Exhibitionisten, gebt jetzt nicht voreilig auf! In jeder Krise steckt auch eine Chance. Überlegt mal, wie viele Zuschauer Ihr üblicherweise mit Euren Auftritten erreicht. Selbst an sonnigen Tagen sind in belebten Fußgängerzonen oder auf Kinderspielplätzen sicherlich nicht mehr als hundert Augenpaare zugegen, die Euch bewundern können. Und wo sind diese Leute momentan? Vor ihren Fernsehgeräten. Bei genauer Betrachtung des vermeintlichen Problems wird offenkundig, welche tollen Aussichten darin liegen. Die Leute aus der nächstliegenden Fußgängerzone sind nicht die einzigen, die sich für das Spiel mit der runden Synthetikkugel begeistern. Milliarden Menschen sitzen weltweit vor den Bildschirmen, um die Partien zu verfoglen.
Think global, act local, ist die Devise. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land hat die Option in greifbare Nähe gerückt, sich der ganzen Welt zu präsentieren. Auf ins nächste Stadion und Ihr habt mehr Publikum als Louis Lance Neil Armstrong und seine Kollegen bei der Mondlandung. Neben der Welle der Begeisterung, die Ihr an den Empfangsgeräten auslösen werdet, habt Ihr vor Ort – je nach Stadion – auch noch zwischen 39.297 und 66.021 Leute, denen Ihr Euch zeigen könnt, Spieler und sonstiges Personal mal nicht mitgezählt.
Zu den Reisekosten und dem Preis für ein Ticket müsst Ihr etwa 140 € Geldstrafe sowie 1.000 € Bearbeitungsgebühren der FIFA für Euren Auftritt einplanen. Nebenbei: Erledigt Sepp Blatter diese Vorgänge eigentlich persönlich, oder wie kommt dieser Betrag zustande? Weiterhin ist eine Entschädigung für den Rücktransport vom Spielfeld aufzuwenden, der obligatorisch durch das Sicherheitspersonal im örtlichen Stadion erledigt wird.
Beispielrechnung
Exhibitionist E lebt in Berlin. Er hat dann keine Reisekosten zum Olympiastadion und kauft auf dem Schwarzmarkt ein Ticket für 250 €. Wenn die Begleitung vom Spielfeld durch zwei Ordner nicht die Gebühren der FIFA übersteigt, dann muss er – einschließlich der Geldstrafe – höchstens 2.389 € investieren. Angenommen, die von ihm ausgewählte Partie sehen soviele Zuschauer wie für das Eröffnungsspiel erwartet waren, dann erreicht er 1,5 Milliarden Leute mit seiner Darbietung. Pro 100.000 Zuschauer sind das rund 16 Cent. Dafür kann man bei Google AdSense vermutlich nicht mal einen Klick kaufen und auch Kanzlerin Merkel erreicht mit ihren Videobotschaften zu diesem Preis nur drei Empfänger.
Alle Angaben ohne Geweähr.