Bye-bye, Berlin!

Neulich an der Currywurstbude hat mich die Verkäuferin freundlich angelächelt. Das ist in Berlin keine Seltenheit mehr und wäre an sich keine Notiz wert. Aber: Während der Zubereitung meiner Wurst und in der Zeit vor der Bestellung hatte ich Gelegenheit, die Frau und ihre Mimik eingehender zu betrachten. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich schnell: Die Verkäuferin war mit ihren Gedanken weit weg und ihr war eigentlich nicht nach Kundenanlächeln zumute. Dass sie es trotzdem tat, zeigt, wie sehr die Hauptstadt sich verändert hat. Obwohl ich erst vor sechs Jahren hier her gezogen bin, ertappe ich mich immer wieder dabei, von früher und heute zu sprechen, wenn ich den Zustand der Stadt beschreiben soll. Und früher, da bin ich mir sicher, hätte die Frau von der Wurstbude mich angeschnauzt und nicht angelächelt.

Berlin, hübsch ist die Stadt nicht, das ist ja mal klar: Charlottenburg hatte seine besten Zeiten wahrscheinlich schon vor der Wende hinter sich. Eine Vielzahl der Kreuzberger ist geistig nicht mal in den 1980ern angekommen. Die Spandauer kochen sowieso ihr eigenes Süppchen. Friedrichshain und Mitte sind total überbewertet. Wilmersdorf, Steglitz und Tempelhof haben den Sex-Appeal von Bielefeld. Über die restlichen Bezirke hülle ich mit Rücksicht auf die Gefühle der Einwohner den Mantel des Schweigens.

Was also macht die Hauptstadt als Ganzes so faszinierend? Die Currywurstverkäuferinnen, zum Beispiel. Sie zeigen nicht nur den Wandel der Stadt hin zur offensiven Kundenfreundlichkeit, sie beweisen vor allem, dass die Stadt überhaupt zu Veränderungen fähig ist. Der Grund: Berlin lebt – und das ist toll. Egal, wo man hingeht, egal wann: Immer ist was los, überall sind freundliche Menschen. Die Stadt ist so lebendig, dass es auf den Straßen nicht mal nachts dunkel wird. Man kann hier jede Menge schriller Typen treffen und – viel wichtiger – sogar ein schriller Typ sein, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Nirgendwo sonst kann man übrigens den einzigartigen Duft der Berliner U-Bahn atmen. Das alles und noch viel mehr machen die Faszination Berlins aus.

Wenn ich heute nach einer Reise mit dem Auto über die A115 auf die Hauptstadt zusteuere und den Funkturm erblicke, habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Das muss ihr erstmal eine nachmachen. Weil ich Berlin demnächst verlassen werde, sage ich: Danke, war schön hier.

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