Eigentlich hatte ich vor, jetzt und hier ordentlich vom Leder zu ziehen. Die hinlänglich bekannte kriminologische Faustregel Kaum gestohlen, schon in Polen wollte ich als ausgelutscht geißeln – mit dem Hintergedanken, im selben Atemzug auch ihren wahren Kern zu bestätigen. Ich selbst käme wegen meiner hohen Achtung vor dem Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten natürlich nicht auf die Idee, so etwas ohne überzeugenden Beweis zu behaupten. Darum hätte ich den Polizisten zitiert, der vorgestern in Frankfurt an der Oder, also unweit der deutsch-polnischen Grenze, unsere Anzeige gegen unbekannt aufnahm, nachdem das Seitenfenster des Autos eingeschlagen und das Navigationssystem entwendet worden war. Man kann seinen Wagen keine zehn Minuten alleine lassen. Ein schwacher Trost, dass die Arschgeburt von Täter zu blöd war, den erheblich höheren Wert des iPods zu erkennen, den sie beiseite gelegt hatte, um das Stromkabel des Navigationssystems aus dem Zigarettenanzünder herauszureißen. In Polen wird das Gerät übrigens nicht viel nützen, es sind nur deutsche Straßen installiert.
Heute Vormittag habe ich es mir anders überlegt. Nicht, weil ich dem Schweinepriester verziehen hätte, der das Auto kaputt gemacht und uns beklaut hat, sondern weil auch eine erfreuliche Nachricht zu überbringen ist: Ich habe meine Jugend noch nicht verloren.
De facto gehe ich mit gewichtigen Schritten auf die 30 zu. Auch die Umgebung sendet untrügliche Zeichen: Eine nennenswerte Anzahl ehemaliger Mitschüler hat sich zur Geburt des zweiten Kindes einen Minivan zugelegt, engagiert sich in der Kommunalpolitik oder spielt in einer Alt-Herren-Mannschaft Fußball. Jungsein ist anders, klare Sache. Das hielt die ältere Dame aus dem Ruhrgebiet nicht davon ab, mich vorhin im Zug mit “junger Mann” anzusprechen, als sie mich bat, ihr Gepäck zu verstauen. Wer die ausweislich ihrer Sitzplatzreservierung auf dem Weg nach Duisburg befindliche Frau gesehen hätte, würde meine Euphorie vielleicht bremsen wollen. Ein entsprechender Dialog könnte mit den Worten
“Hast Du nicht das Kleid gesehen, das war schon vor Jahrzehnten hässlich, selbst im Ruhrgebiet, die Person ist vermutlich blind”
beginnen.
Ungerührt würde ich “es kam noch besser” antworten, denn meine Jugend wurde später quasi offiziell festgestellt. Im Verlaufe der Bahnfahrt setzte sich eine größere Gruppe von Schülern um mich herum. Umzingelt von pubertierenden Gymnasiasten und ihren englischen Austauschschülern fiel ich dem Bahnpersonal offenbar nicht weiter auf. Genaugenommen hielt man mich sogar für ihresgleichen: Nachdem die Lehrerin das Gruppenticket vorgezeigt hatte, kümmerte sich die Kontrolleurin nicht weiter um mich. “Gluck gehabt”, kommentierte mein britischer Platznachbar.
Da ich weder mit den Engländerinnen geknutscht, noch an der Counterstrike-Diskussion der verpickelteren der Schüler teilgenommen hatte, muss ein anderes äußeres Merkmal Grund zu der Annahme gegeben haben, ich gehöre der Schulklasse an. Ich führe die Ersparnis des Fahrpreises auf die weißen Ohrhörer zurück, die ich trug. Muss ich dem Sackgesicht, das den iPod idiotischerweise nicht geklaut hat, deshalb jetzt dankbar sein? Natürlich nicht! Soweit kommt’s noch – ich bin vielleicht jung, aber nicht dumm.